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Die Geister, die ich rief...

Sebastian konnte an diesem Tag keine Zeitung lesen, er hatte Angst vor den Schlagzeilen: Alles, was dort stand, drehte sich um ihn. Er rannte los, raus aus der Wohnung, weg vor diesem Wahnsinn, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Er suchte einen Ort, an dem ihn niemand kannte, wo Ampeln, Autos, Supermärkte auch ohne ihn funktionierten. Doch die Welt da draußen und jeder, der ihm begegnete, schien alles über ihn zu wissen. Er versuchte das zu ignorieren. Die einzigen Menschen, denen er noch traute, waren Kinder. Wie ferngesteuert lief er ihnen hinterher, bat sie um Hilfe und landete in der halbleeren Nachmittagsvorstellung eines Zeichentrickfilms.

Irgendwann später lag Sebastian betäubt und festgeschnallt auf einem Bett der geschlossenen Abteilung der Berliner Klinik Herzberge. Heute glaubt er sich zu erinnern, daß die Kinokassiererin, der sein paranoider Zustand aufgefallen war, die Polizei gerufen hat. Eine Spritze, die auch einen Amokläufer ins Koma gebracht hätte, legte die Drogen in seinem Körper lahm und löschte die nächsten Minuten und Stunden aus. Als er wieder zu sich kam, begann die Mischung aus Ecstasy, LSD und Marihuana, die er auf Partys, auf Raves über zwei Jahre hinweg genommen hatte, abermals wie ein Trafo in seinem Kopf zu rauschen.

Am Abend vorher hatte Sebastian seine besten Freunde um sich versammelt. "Ich saß kerzengerade auf meinem Bett, erzählten sie mir später, und ab und zu sagte ich einen Satz, den keiner mehr verstand." Mit diesen Freunden war Sebastian oft in Clubs gegangen, hatte Ecstasy geschluckt, nicht mehr und nicht weniger als die anderen, denn E gehörte einfach dazu. Manchmal hatte er dazu noch Marihuana geraucht oder einen Trip genommen. "Sie waren erschrocken, daß ich plötzlich auf den Pillen hängengeblieben bin." Denn Sebastian war immer Vorbild gewesen: Er hatte als erster und ohne große Probleme den synthetischen Drogencocktail genommen.

Über die psychischen Spätfolgen von Ecstasy ist relativ wenig bekannt. Die Pille besteht aus mit Speed und Amphetaminen gestreckten Derivaten des MDMA, das die deutsche Pharmafirma Meck 1912 erstmals aus Metaamphetamin und Safrol synthetisierte. Sie ist die zur Zeit populärste illegale Droge. Zu 98 Prozent wird sie von den Konsumenten mit anderen Substanzen wie THC (Marihuana) oder LSD kombiniert. Kurzzeitig erhöht die Pille die Körpertemperatur auf bis zu 40 Grad, steigert das Gefühl der Nähe zu anderen Menschen, euphorisiert und treibt den Puls an. Danach baut sie sich im Gegensatz zu Marihuana oder Heroin, das sich in den Fettzellen absetzt, schnell ab und ist nach einigen Tagen gänzlich aus dem Körper verschwunden. Ecstasy macht körperlich nicht süchtig. Die psychischen Nachwirkungen treten erst später auf. Im Moment häufen sich die Problemfälle - zehn Jahre nachdem die elektronische Musik und die Partypille Ecstasy nach Deutschland kamen. Diejenigen, die den synthetischen Pillencocktail schluckten, um mehr Spaß zu haben, sind meist sehr jung. Die Psychiatrien sind auf das neue Phänomen kaum vorbereitet.

Nach der Spritze, die ihm die Ärzte in Herzberge gegeben hatten, glaubte Sebastian, klarer zu sehen, "aber dann fingen wieder diese Visionen an, irgendwelche unbekannten Menschen und Gesichter kamen auf mich zu". Die Ärzte diagnostizierten eine durch Drogen ausgelöste Psychose. "Da dieser Zustand immer mit Drogen aufgetreten ist, nehmen sie an, daß mein Ausklinken und Hängenbleiben damit zu tun haben." Sebastian bekam Psychopharmaka. Die konnten aber sein Gefühl nur mildern, von etwas verfolgt zu werden. Die Medikamente stellten für eine Zeit sein Gleichgewicht künstlich wieder her - die Ursache konnten sie nicht eliminieren. Es war so, als hätte sich Sebastian in einem Stockwerk verlaufen und fände nicht mehr den Weg zurück zum Erdgeschoß. Als sei er in einer parallelen Welt hängengeblieben. "Irgendwann brachte mich der Arzt dazu, daß ich wieder meinen Namen sagen konnte."

Jedesmal, wenn man Sebastian trifft, begegnet man einem anderen Menschen. Beim ersten Besuch in einem ziemlich tristen Arbeiterviertel im Osten von Berlin öffnet der 21jährige in Pyjamahosen die Tür zu einer abgedunkelten Wohnung. Seine blondgefärbten Haare stehen vom Kopf ab, man könnte spontan sagen, er sieht gut und intelligent aus, aber ein anderer Eindruck überlagert all das und läßt nur ein Wort zu: geisterhaft. Er geht in die Küche, setzt sich und verfällt wieder in eine Art Tagtraum, aus dem ihn die Klingel kurz aufgeweckt hat. Für einen Satz braucht er fünf, manchmal zehn Minuten. Dabei fixieren seine Augen einen Punkt, der weit hinter der Zimmerwand liegt. Manchmal kehrt der Blick wieder zurück, und er starrt sein Gegenüber an, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde.
Sebastian weiß nicht mehr, wann er sein erstes E genommen hat oder seine erste LSD-Tablette und wann und wie oft er schon in der Psychiatrie war. In seinem Zeitloch spielt das keine Rolle mehr. Vergangenheit oder Zukunft sind für ihn sehr weit weg, als wären sie unter einer dicken Schicht begraben. Und seine Gegenwart findet woanders statt, auf einem anderen Stern - ohne daß er noch Drogen nimmt. Diesen Ort kann er aber niemandem beschreiben und niemandem zeigen.

Zwei Wochen später ist Sebastian in der Waldklinik am Wannsee. Die sieht aus wie ein alter Herrensitz mit einem modernen Wurmfortsatz. Ein langer verglaster Gang, der etwas von der Kommandobrücke eines Raumschiffs hat, führt zur geschlossenen Abteilung. Am Eingang, dessen Milchglasscheiben keinen unbefugten Blick durchlassen, steht: "Kindern unter 14 Jahren ist der Zutritt verboten". Eine Krankenschwester öffnet die Tür, inspiziert die Taschen und blickt dem Besuch einmal tief in die Pupillen. Auf dem Gang läuft ein Mann im Bademantel hektisch auf und ab, seinen Kopf hat er mit einem Frotteehandtuch umwickelt. Ein alter, etwas verwahrloster Herr sitzt sich kratzend auf einem Stuhl, eine Türkin telephoniert laut und unter Zuckungen. Sebastian steht verloren auf dem Gang, er hat eine weite Skaterhose an und ein enges T-Shirt, als käme er direkt von einer Party.
Nicht nur sein Alter läßt ihn hier deplaziert wirken. Wie in vielen anderen psychiatrischen Abteilungen sind auch hier Patienten mit den durch neue Partydrogen ausgelösten Psychosen absolute Neuzugänge. Zwar sind die Substanzen bekannt, aber die Welt, aus der sie kommen, ist jung und fremd. Im Gang rieselt aus den Lautsprechern gedämpfte Radiomusik. Sebastian fragt, ob er die Drum&Bass-Kassette seines Besuchs einlegen kann. Der Mann mit dem Handtuch läuft ungerührt auf und ab, die Türkin telephoniert laut weiter, nur die Krankenschwester registriert den Musikwechsel. In Richtung der Lautsprecher, aus denen nun ganz tiefe Bässe kommen, sagt sie: "Ich krieg´ hier noch einen Nervenzusammenbruch."

"Aber nicht so wie beim letztenmal, sehr jeehrter Herr. Sie sind hier schon mal abjehauen", sagt die Oberschwester im Berliner Icke-Slang, als Sebastian ihr mitteilt, er wolle mit seinem Besuch kurz rausgehen. Bisher ist er nach einiger Zeit aus allen drei geschlossenen Anstalten weggerannt, in die er kam, wenn er wieder in der anderen Welt hängengeblieben war. Er haute nicht ab, um wieder Pillen zu nehmen, sondern weil er sich so fühlte, als sei er in der Anstalt in einem noch viel schlimmeren Film gelandet, als dem, der in seinem Kopf spielte.

Auf dem Schotterweg um die Klinik bewegt sich Sebastian wie auf Schienen, als würde er schlafwandeln. Selten sagt er mehr als ein paar Worte: "Da war diese Goa-Party; am Morgen hat der DJ mein Lieblingslied gespielt". Nur Bruchstücke - als würden in seinem Gehirn manchmal die Synapsen zurückspringen und den Fluß der Gedanken in eine andere Bahn lenken oder ganz blockieren.
In der Kantine trinkt Sebastian langsam seinen Automaten-Kakao aus und beobachtet die Patienten am Nebentisch. Plötzlich steht er auf, verabschiedet sich und geht, als würde er von einer fremden Kraft teils gezogen, teils geschoben werden, zurück in sein Zimmer. Warum Sebastian auf dem Drogencocktail hängengeblieben ist, kann bislang noch kein Arzt erklären. Die psychischen Spätfolgen der neuen Partypillen sind im Vergleich zu Heroin oder LSD, die in den siebziger Jahren ihre Hochzeit hatten, noch nicht erforscht. Die psychoaktive Substanz MDMA in Ecstasy verändert, so der Wissensstand, bei Einnahme das Gleichgewicht der Botenstoffe, die neuronale Impulse im Gehirn übertragen. MDMA bewirkt, daß die Hirnregion, die für die Gefühle zuständig ist, kurzzeitig in dem körpereigenen Transmitterstoff Serotonin schwimmt. Dadurch entstehen Glücksgefühle. Versuche bei Primaten haben gezeigt, daß durch Ecstasy-Konsum längerfristig Serotonin im Hirngewebe stark abnimmt und sich auch nicht regeneriert. Man nimmt an, daß MDMA die Hirnstruktur des Menschen verändert, daß die Botenstoffe weniger werden und bestimmte Impulse wie etwa Musik Flashbacks auslösen, die das Drogenpartygefühl wieder aufleben lassen. Unabhängig von Konsummenge und -häufigkeit können deshalb Psychosen auftreten. Eine Studie der Universitätsklinik Eppendorf in Hamburg soll nun Veränderungen des Gehirns mit Hilfe von Positronen-Emissions-Tomographie sichtbar machen, erste Ergebnisse wird es erst in einem Jahr geben. Fest steht aber, daß Ecstasy für manche Menschen gefährlicher ist als für andere.

Drei Wochen später ist Sebastian wieder zu Hause. "Meine Zustände kommen immer wellenartig", sagt er, obwohl er schon länger keine Pillen mehr nimmt. Sebastian sitzt neben einer dicken Stoffente auf seinem Bett, wir trinken Eistee, essen Popcorn, seine Mutter, die bei der Bundesbahn arbeitet, ist gerade unterwegs. Aus dem Kassettenrecorder kommt elektronische Musik. "Ich weiß nicht, ob man meine Psychose als Flashback bezeichnen kann", sagt er. Seine Bewegungen sind immer noch sehr langsam, fast wie in Zeitlupe wiegt er seinen Oberkörper vor und zurück, als würde er seine Körperbalance testen und wiederfinden wollen. "Vielleicht ist ein Flashback das Gefühl, daß man an einem anderen Ort dasselbe schon einmal erlebt hat. Nur unter anderen Umständen. Zum Beispiel habe ich in Kottbus, als ich noch studierte, in meinem Zimmer gesessen und eine Kassette gehört. Plötzlich merkte ich, daß da wieder dieses Gefühl kam, als hätte ich Pillen genommen: Da waren ganz viele Menschen und laute Musik um mich herum."
In einem Glasregal stehen Pokale, die Sebastian im Ringen gewonnen hat. Sie stammen aus einer anderen Zeit. Die endete vielleicht, als Sebastian sein erstes E nahm auf der "Muroroa-Rave-Explosion"-Party oder seinen ersten Trip bei "Aufschwung Ost" in Kassel. Der Flyer von der Party hängt noch an der Pinnwand, auf dem psychedelisch gemusterten Papier mutiert ein Comicwesen zu einem Alien, dessen Kopf wie ein Atompilz zerplatzt. "Ich habe in dieser Nacht überall Farben gesehen und Lichter", erinnert sich Sebastian an einen Abend vor drei Jahren. "Als ich meinen Freund wiedergefunden hatte, haben wir so gelacht, daß ich weinen mußte. Wir haben auf der Tribüne gesessen und zum Dancefloor geschaut. Da hat ein Mädchen getanzt, die Arme weit ausgebreitet. Und hat sich immer im Kreis gedreht, ganz schnell, wie eine Eiskunstläuferin. Wir haben uns gedacht: Sie muß doch irgendwann umfallen. Wann fällt sie denn um? Aber sie ist nicht umgefallen." Vielleicht sind chemische Drogen wie russisches Roulett, man weiß nicht, welche Pille einen für immer aus der Wirklichkeit bläst.

An dem Tag, als Marcel (Name von der Redaktion geändert) nach Schwalmtal in die Therapie kam, stand in der Zeitung, daß Versace erschossen worden war. Marcel hatte einen Leberwert, den sonst nur langjährige Alkoholiker haben, und einen Riß mittendurch - es ging ihm alles andere als gut. Er hatte Versace und seine Sachen gemocht, und doch freute er sich ein wenig, denn vielleicht hatte da jemand einen Platz freigemacht, für später, wenn er selbst einmal Modedesigner sein würde. Und vielleicht war er dieses Mal an einen Ort gekommen, wo die Therapie zur Behandlung der psychischen Folgen seines Drogenkonsums nicht wieder eine Mischung aus Landschulheim und Armee sein würde: Duschen, eine Tasse Kaffee, dann Holzfällen, Gartenarbeit oder Ausmisten, Gruppengespräche, und die Briefe, die man schreibt, werden kontrolliert.

Marcel hat fast drei Jahre lang synthetische Pillen und Pulver genommen, später dazu noch Crack. "In meiner ersten Therapie hatte ich einfach nur noch Lust auf Drogen. Als ich dann draußen war, hatte ich sie wieder, diese "schwarze Erfüllung oder wie immer man das nennen will. Pillen und Crack. Aber ich kann mich eben nicht in eine Anstalt einsperren lassen."
Für sein Alter, sagt der 17jährige, habe er schon viel Scheiße erlebt. Manchmal wünscht er sich, er wäre wieder acht oder neun Jahre alt und könnte noch mal neu anfangen. "Ich würde nicht rauchen und kein Pillen- und Pulverzeug nehmen und versuchen, mein ganzes Leben lang Fußball zu spielen, obwohl ich davor einen Wahn habe, weil damit fing das mit den Drogen erst an." Marcel war damals vierzehn und in der B-Jugend eines großen Fußballclubs. "Wir haben gekifft und ab und zu Ecstasy genommen oder Pillen, wie das eben so ist mit vierzehn. Als unser Trainer eines Tages mit irgendwelchen Amphetaminen ankam und meinte, wir könnten das vor dem Spiel nehmen, dachten wir uns: Probieren wir das doch mal aus." Am Ende der Saison hatte Marcel stolze 29 Tore geschossen. "Das waren keine normalen Tanz- und Partypillen, sonst wären wir vermutlich auf dem Fußballfeld kollabiert." Beim Spiel hatte er keine Skrupel mehr beim Foulen. "Das war der Anfang von dem ganzen Pillen- und Pulverwahnsinn", sagt er. Der Trainer kam ins Gefängnis.

Dann kamen eine Menge Pillen und Trips - dann Crack. "Ich hab´ die Menschen gar nicht mehr richtig wahrgenommen, nur noch als Umrisse. Du bekommst davon richtige Halluzinationen, optisch und akustisch. Du kannst auch Leuten richtig weh tun. Ich glaube, ich habe schon mal jemanden ziemlich zugerichtet, und am nächsten Morgen weißt du nichts mehr." Marcel redet über das "Teufelszeug" wie über ein Wesen, das Macht über ihn hatte. Denn auch ohne die Drogen hat er inzwischen Visionen und Flashbacks. Und manchmal ist er nicht sicher, ob es nicht wieder wächst, dieses Ding, und Besitz von ihm ergreifen will.

Wenn er ein Mädchen wäre, sagt er, würde er sich ein ganz bestimmtes Tattoo machen lassen. Zwei wie das Yin-und-Yang-Zeichen ineinander verschlungene Drachen: der eine rot, der andere schwarz. Der rote Drache, sagt Marcel, steht für die Droge und wird im Kampf mit dem schwarzen Drachen, der die gute Macht symbolisiert, endgültig getötet.

Zufällig hörte Marcel von einer neuen Jugendhilfseinrichtung, die dem Therapiezentrum Melchiorsgrund im Schwalmtal angegeliedert ist, dem Haus "Wildgänse". Melchiorsgrund liegt zwischen Wäldern und Bächen, fast unrealistisch idyllisch. Auf einem Hochplateau stehen einige Blockhäuser, Ställe, eine Käserei, freundli-che Menschen gehen auf kleinen Trampelpfaden, und da niemand Kittel trägt, weiß man nie, ob man einen Arzt oder Patienten vor sich hat. Melchiorsgrund ist keine geschlossene Anstalt, sondern ein sehr offenes Therapiesystem: Im kleinen sollen hier das Zusammenleben und der Alltag geübt werden.
Marcel kommt gerade aus der medizinischen Station. Er humpelt stark. In der Nacht zuvor, nach unserem ersten Treffen, wir hatten uns über Mode und Musik und das Leben unterhalten, ist es wieder einmal passiert. Vielleicht war es die Sehnsucht nach dieser "schwarzen Erfüllung" oder das Fehlen eines Gefühls, das diese Erfüllung ersetzen könnte. Auf jeden Fall lief in seinem Kopf ein Film ab, den er sonst nur auf Pille kannte. Er hat dann mit dem Bein gegen einen Türrahmen getreten, bis es geprellt und blau war. Synthetische Drogen sind wie Geister: Sie verschwinden nie ganz, auch wenn sie nicht mehr sichtbar sind. Sie rufen Erinnerungen wach und verursachen Halluzinationen. "Heute nacht", erzählt Marcel, "habe ich gedacht, daß jemand die Treppe hochläuft. Und redet. Aber da war niemand." Die Geister, die man rief, wird man nicht mehr so einfach los. Wenn Drogen einmal ein Teil des Lebens waren, bleiben sie mächtig, auch wenn man sie nicht mehr nimmt. Denn jede Droge läßt eine für sie charakteristische Welt entstehen. So ist Ecstasy durch die euphorisierende Wirkungsweise verbunden mit elektronischer Musik und Partys - nach dem Abklingen des Glücks läßt es eine um so größere Kälte entstehen. Crack ist von vornherein eine kalte und rücksichtslose Droge, Heroin wirkt im Vergleich zu den neuen synthetischen Drogen wieder ganz anders.

"Die hat sich ja die ganzen Toten ins Zimmer gehängt", sagt Marcel. Im Nachbarzimmer gucken Jim Morrison, der an einer Überdosis starb, und Curt Cobain von der Wand. Kathrin (Name von der Redaktion geändert), die seit kurzem im Haus "Wildgänse" lebt, ist fünfzehn, und ihre letzte Drogenwelt, nach den Pillen, war die des Heroins. Von der Zeit davor erzählt sie wie von einem anderen Leben. Sie ging, wie alle anderen auch, auf Technopartys, trug Plateauschuhe und nahm Ecstasy, "aber mir war das immer zu kalt".
Irgendwann dachte sie sich, "daß Junkies doch richtig cool sind", und dann kam das Heroin über sie wie eine warme Decke. Und dieses Gefühl der Wärme, sagt Kathrin, ließ sie einfach nicht mehr los, auch wenn sie sich nach einem Jahr so fühlte, als sei sie unter der Droge lebendig begraben. Denn plötzlich war ihr ganzes Leben Junk. Sie ißt immer noch kein Obst oder Gemüse, sondern nur Nudeln mit Ketchup oder, am liebsten, Pommes von McDonald´s. Jede kleinste, für andere unbedeutende Nebensächlichkeit kann sie wieder an die Junkwelt erinnern, die für sie immer noch wie ein Magnet wirkt. Dann kommen Flashbacks, aber auch die sind, sagt Kathrin, viel wärmer als bei synthetischen Drogen. "Manchmal sehe ich Jim Morrison, der an meinem Bett steht und auf mich aufpaßt. Denn ich könnte auch schon tot sein."

Das Wort Droge, das ist ein Teil der Philosophie der Therapieeinrichtung Melchiorsgrund, ist im Grunde schon der Anfang eines Mißverständnisses. Denn per Definition können Drogen in der richtigen Dosierung und im richtigen kulturellen Kontext Menschen in einen Zustand bringen, der auch ein heilender sein kann. Da aber das Wort Droge heute wertend gemeint ist, Drogen außerhalb der normalen Welt und in die Illegalität gestellt werden, man sie auf Melchiorsgrund aber auch nicht verharmlosen will, spricht man hier neutral von Substanzen, die das Potential haben, Menschen physisch und psychisch zu vergiften.
Als Kathrin und Marcel in das Haus "Wildgänse" kamen, waren sie bereits medizinisch entgiftet. Dann fängt die eigentliche, die psychische Entgiftung und die Verbannung der Geister erst an. Vor allem, wenn durch Drogen Psychosen ausgelöst werden. Diese Folgebehandlung wird aber meist nicht von den Krankenkassen, sondern von der Rentenversicherung übernommen, mit dem Ziel eines schnellen Erfolgs. Die Folgen der Drogen gelten also gesetzlich nicht als chronische Krankheit. Dadurch wird die Finanzierung einer längeren Therapie, die aber meist nötig ist, sehr schwierig.

"Du brauchst nur den Fernseher anzumachen", sagt Marcel, "oder Musik zu hören." Drogen sind immer präsent. Deshalb ist der Kampagnenspruch "Keine Macht den Drogen" nur die halbe Wahrheit. Drogen sind mächtig. Das hat auch Sebastian gemerkt, als er durch die Straßen irrte: "Es war so, als würde ich überall nur noch Aufforderungen lesen und sehen, Drogen zu nehmen. Da stand im Grunde überall: kiffe, schniefe, trinke und nimm eine Pille." Drogen gibt es in den besten Familien, sagt Marcel: "Mein ganzer Freundeskreis ist so, die Mutter Lehrerin, der Vater Anwalt und das Kind auf Pille."

Es ist ein ziemlich kalter Tag in Berlin. Mitte April. Sebastian liegt auf einem weißen Bett, er ist wieder in der geschlossenen Anstalt und weiß nicht, wann er entlassen wird. Durch das Oberlicht kommt ein bißchen Sonne in den Raum.

Mitarbeit: Christian Kleffner
erstmals erschienen 1998 im Zeitmagazin.